Es stand für mich bereits längere Zeit fest, dass ich ein Jahr in Frankreich verbringen
wollte. Dank eines zweiwöchigen Schüleraustauschs in Südfrankreich und der Hilfe meines
Französischlehrers wurde es mir dann auch tatsächlich ermöglicht, das Schuljahr
2003/2004 dort zu verbringen.
Also ging es Ende August ab nach Toulouse. Meine Gastfamilie war mir durch den schon
erwähnten zweiwöchigen Austausch bereits bekannt, so dass es mir nicht sehr schwer fiel,
mich an die ungewohnten Lebensverhältnisse anzupassen. Die Unterschiede begannen schon bei den
Mahlzeiten. Zweimal täglich wurde warm gegessen, abends erst um 20.00 Uhr. Besonders die
Mahlzeiten zu den Festtagen sind in Frankreich sehr beeindruckend. Es wird unglaublich viel gegessen,
und man sitzt mehr als drei Stunden am Tisch, wobei zwischen den einzelnen Gängen kleine Pausen
gemacht werden. In meiner Gastfamilie wurde ich schon nach kurzer Zeit wie ein Familienmitglied
behandelt und nicht mehr wie ein Gast.
Die ersten Schultage waren für mich anstrengend, und abends war ich froh, mein Bett aufsuchen
zu können. Dennoch hatte ich mir meine Integration schwieriger vorgestellt, als sie letztlich
war. Ich wurde ziemlich schnell in meine Klasse einbezogen, und die Schüler zeigten viel
Interesse, waren offen und neugierig darauf, eine deutsche Schülerin kennen zu lernen. Sie boten
mir ständig Hilfe an, die ich Anfangs auch benötigte. Die Lehrer unterstützten mich,
indem sie mir Aufgaben stellten, z. B. Referate über die Berliner Mauer, den Film Goodbye Lenin
und anderes. Hiermit förderten sie meine Sprachkenntnisse.
Mir ist während meines Aufenthalts aufgefallen, dass französische Schüler weitaus
weniger Freiraum besitzen als deutsche und auch weniger Zeit dafür haben, etwas mit Ihren
Freunden zu unternehmen. Die Schule bestimmt den Alltag der französischen Jugendlichen.
Auch das schulische Bildungssystem ist anders eingeteilt als in Deutschland. Zuerst gibt es die
"Ecole maternelle" (Kindergarten), dann die "Ecole Élementaire" (Grundschule)
und das "Collége" (Hauptschule, Realschule und Gymnasium). Nach dem Collége
kommen die Schüler mit 15 oder 16 Jahren für drei Jahre in das Lycée (beginnend mit
dem Seconde, dann Premiére und als Abschluss die Terminale), In der Prémiere
können die Schüler je nach Leistungsfähigkeit, Interesse und Berufswahl zwischen
verschiedenen Formen des französischen Abiturs wählen.
Die französischen Schüler beenden in der Regel nach 12 Jahren ihre Schulzeit mit dem
Abitur, wobei sich dieses über zwei Jahre (Premiére et Terminale) erstreckt.
Ich besuche hier die Primiére L. mit dem Schwerpunkt französische. Literatur. Ich absolviere sieben Stunden Französisch pro Woche, wobei ich mich intensiv mit französischer Poesie und literarischen Texten beschäftige. Eine Schulstunde dauert 55 Minuten, es gibt meistens nur Doppelstunden. Die Französischstunden schienen mir Anfangs unverständlich und zählten zu den schwierigsten Hindernissen, Da ich die Literaturklasse besuche und mich somit stark auf Literatur konzentriere, widme ich mich den anderen Fächern in geringerem Umfang (1 Std. Mathematik, 1 Std. Informatik, 1 Std. Biologie, 1 Std. Chemie/Physik).
Die Schule endet hier nur am Mittwoch gegen 12.00 oder 13.00 Uhr. Anderentags sitzt man auch jeden
Nachmittag, manchmal bis 18.00 Uhr, im Klassenraum. In der Mittagszeit hat man ein bis zwei Stunden,
in denen man sich in der Kantine mit köstlichen und unglaublich abwechslungsreichen Speisen satt
essen kann.
Bei mir entsteht der Eindruck, dass die französischen Schüler großen Respekt vor
ihren Lehrern haben. Im Unterricht wird zugehört und möglichst viel notiert. Die
Schüler stellen während des Unterrichts viele Fragen und sind sehr bemüht, alles zu
verstehen. Sie haben offensichtlich Interesse am Lernen. Die Lehrer sind bemüht, den
Schülern ihren Unterrichtsstoff möglichst gut und verständlich zu vermitteln.
Fast jeden Samstag für eine vierstündige Arbeit die Schule aufsuchen zu müssen,
war mir anfänglich unbegreiflich, und das Wochenende schien mir einfach zu kurz. Aber
mittlerweile gehört dies hier zu meinem Alltag. Ebenso wie die massenhaften Hausaufgaben.
Sogar während der zweiwöchigen Weihnachtsferien wurde gebüffelt, da ich mich auf die
mündlichen Französischprüfungen vorbereiten musste. Trotz alledem kann man eigentlich
nicht sagen, dass ein Schultag in Frankreich sehr viel anstrengender ist als in Deutschland. Die
Zeiteinteilung ist einfach anders. Unterrichtsbeginn ist um 8.20 Uhr, und an manchen Tagen wird ohne
Mittagspause bis 13.45 Uhr gelernt. In französischen Schulen werden die Schüler von Beginn
des Unterrichts an bis zum Schulschluss bewacht, und es ist ihnen nicht gestattet, ohne Erlaubnis der
Eltern (Unterschrift), während einer Freistunde die Schule zu verlassen. Die Schüler
müssen beim Verlassen des Schulgeländes die so genannte "carte de sortie" bereithalten und
unaufgefordert vorzeigen. Die "carte de sortie" beinhaltet Auskünfte über Schulbeginn,
Schulschluss, sowie Freiräume, die Eltern ihren Kindern gewähren.
Seit Ende August habe ich unglaublich viele Erfahrungen gesammelt, Bekanntschaften gemacht und Traditionen kennen gelernt. Zudem habe ich gute Fortschritte in der französischen Sprache gemacht. Darunter hat mein deutscher Sprachgebrauch wohl etwas gelitten. Von meiner Seite her kann ich bereitwilligen Schülern den Besuch einer französischen Schule nur empfehlen. Es gibt in Frankreich viele nette Familien, die bereit sind, ausländische Schüler aufzunehmen.
von Svenja Kusch
