Texmex, Cowboys und die "Lone Star" Flagge

Amarillo, Texas

Eiszapfen

Ich hatte mich ganz spontan dazu entschlossen, ein Auslandsjahr in den USA zu verbringen. Dabei war der Aufenthalt nicht dazu gedacht, mein Abitur in dem Land zu erhalten. Ich wollte lediglich eine Zeit etwas Neues erleben, ein anderes Land und andere Leute kennenlernen. Von Freunden hatte ich erfahren, dass man über eine Vermittlungsagentur für ein Jahr an eine amerikanische High School gehen kann. Als ich dann auch noch erfuhr, dass ich das Schuljahr auch in Deutschland anerkennen lassen könnte und die 11. Klasse so nicht wiederholen müsse, stand fest: I'm going abroad.

Mein Englisch war in der Schule immer mittelmäßig gewesen und die USA kannte ich nur aus dem Fernsehen. Meine Faszination für das Land sollte sich erst im Laufe meines Aufenthalts entwickeln und mich bis heute begleiten.

Organisation und Ankunft

Die Organisation MAP vermittelte mir einen Schulplatz in Amarillo, Texas, wovon ich ganz begeistert war. Zum einen wollte ich (als Sommerkind) unbedingt in den Südstaaten leben und zum anderen ist Amarillo mit rund 180.000 Einwohnern eine für amerikanische Verhältnisse recht große Stadt, was mir (als Stadtkind) besonders wichtig war. So hatten sich meine beiden Wünsche, die ich vorher bei der Agentur angeben konnte, mir aber nicht zugesichert waren, erfüllt.

Nach einer langen Reise – Zwischenstopps auf drei Flughäfen - kam ich im über 40-grad heißen Texas an und wurde von der Koordinatorin der amerikanischen Partnerorganisation und von meiner zukünftigen Gastfamilie, den Ellis' mit einem großen "Welcome"-Schild in Empfang genommen.

Gastfamilie

In meiner Familie wohnte ich neben den Eltern auch noch mit zwei Schwestern zusammen, von der eine geistig behindert war. Ich hatte erst die Befürchtung, dass mich Mikaela nicht als neues Familienmitglied akzeptieren würde, doch wir haben uns auf Anhieb super verstanden. Ashley, die zweite Schwester, sollte mit mir an der Schule im Tennisteam spielen.

Die Ellis' waren eine relativ wohlhabende Familie, bei der ich anfangs sehr gerne wohnte. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass sie ihr Geld für unwichtige Dinge (Unmengen an Spielzeug, ständig neue Sportausrüstungen) ausgaben und dabei das essentielle, wie etwa einen Staubsauger vergaßen. Konsum war jedoch durchweg die Hauptbeschäftigung dieser amerikanischen Familie.

High School

Knapp die Hälfte der gut 2000 Schüler der Caprock High School waren lateinamerikanischer Herkunft. Davon war ich durchweg ganz begeistert, denn die spanische Sprache fand ich genauso faszinierend wie die englische. Am ersten Schultag war ich aufgeregter denn je. Doch nach dem Besuch bei meinem Guidancecounselor, die mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen zusammen mit mir meinen Stundenplan organisierte, war alles nicht mehr so schlimm. Die Kurse gefielen mir alle sehr. Neben den Pflichtfächern, die ich für die Anerkennung in Deutschland brauchte (Mathe, Französisch, Englisch und Biologie), belegte ich noch US-History und Keyboarding, wo ich die Zehn-Finger-Schreibweise erlernte. Generell wurden in den USA viel mehr Tests durchgeführt als in Deutschland. Aber das Bestehen war weder für mich, noch für die anderen deutschen Schüler an der Schule (insgesamt 4), nie ein Problem. Positiv überrascht war ich auch davon, dass alle Kursräume mit Computern ausgestattet waren.

Halloweenkuchen

Meine Gastmutter fuhr mich jeden morgen zur Schule und nachmittags wurde ich von meinem Gastvater abgeholt. Nach dem eigentlichen Unterricht, der um zwei Uhr beendet war, hatte ich Tennistraining. An die Zeit im Tennisteam, mit dem ich viel gereist bin und so eine Menge der umliegenden Gegend sehen konnte, kann ich mich heute noch am Besten erinnern. Schließlich hat man sowohl in der Woche als auch an den Wochenenden bei den Turnieren sehr viel Zeit miteinander verbracht. Der School Spirit hat mich genauso angesteckt, wie die gute Laune meiner Teammitglieder, die immer an mir und der deutschen Kultur interessiert waren.

Ich habe immer die unvorstellbarsten Fragen gestellt bekommen (z.B. "Gibt es in Deutschland auch Bienen?"). Viel Gesprächstoff gab es auch zum Thema des Dritten Reiches. Man hat gemerkt, wie wenig fundiert ihr geschichtliches Wissen ist und wie schlecht die Ausbildung in den USA sein kann. Als mein Geschichtslehrer einmal der Klasse lehrte, dass die Atombombe in Hiroshima die einzige Möglichkeit war den 2. Weltkrieg zu beenden, konnte ich nicht anderes als mein Erschrecken über seine Aussage auszudrücken. Nach einer längeren Diskussion musste ich den Schulraum verlassen. In den USA wird das gelernt, was im Lehrplan steht. No exception.

Auf dem Campus hatte ich unglaublich viele schwangere Mädchen, die nicht älter als 17 Jahre alt waren, gesehen. Das hat mich damals ganz schön geschockt. Aber als wir dann das Thema Sexualkunde im Biologieunterricht behandelten, wusste ich warum. Die Schüler waren überhaupt nicht aufgeklärt und stellten die abwägisten Fragen.

Die Sicherheit auf dem Campus spielte immer eine große Rolle. Ohne "hall pass", einem Passierschein, durfte kein Schüler während des Unterrichts über die Flure laufen. Zwischen den Kursen hatte man nur fünf Minuten Zeit zum nächsten Unterrichtsraum zu kommen. Kam man zu spät, musste man nachsitzen. Um den Hals trug jeder Schüler einen I.D. (Identifikationskarte), wonach unangemeldet während des Unterrichts kontrolliert wurde.

Das Haus der Gastfamilie

Aus meinem schulischen Aufenthalt habe ich nichtsdestotrotz eine Menge mitgenommen. Dabei war ich von der Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit der Amerikaner am meisten begeistert. Mein Englisch hatte sich nach einigen Monaten sehr gut entwickelt. Außerdem habe ich mit damals 16 Jahren gelernt, wie ich selbstständig mit meinen Problemen umgehe.

Texas

Texas ist ein wundervoller Staat, obgleich er vom Rest der USA oft für seine Andersartigkeit verpönt wird. Die Texaner sind sehr stolz auf ihren Staat und grenzen sich gerne von den anderen 49 Staaten ab. Deswegen sieht man in Texas anstatt der amerikanischen Flagge auch viel öfter die "Lone Star Flag", die texanische Flagge mit nur einem Stern, in den Vorgärten der Häuser hängen.

Texas ist bekannt für die ländlichen Gegenden. Dort haben die Menschen immer viel Zeit und sprechen dementsprechend langsamer. Viele tragen tatsächlich noch Cowboyhüte und -stiefel. Die Landschaft des Staates ist unfassbar schön, was man besonders gut bei einer Fahrt über den alten High Way Route 66, der auch durch Amarillo führt, sieht. Außerdem wohnen in Texas, auf Grund der geographischen Lage des Staates, viele Mexikaner. Schnell wurde das TexMex-Essen, eine Mischung aus texanischem und mexikanischen Spezialitäten, zu meinem Lieblingsessen. Und wie jeder weiß, nimmt jeder deutsche Schüler in den USA ca. 5-10 Kilo an Gewicht zu.

Mein Aufenthalt in Texas hat mich bis heute geprägt. Ich war damals so von den USA begeistert, dass ich mich dazu entschlossen habe, auch mein Studium auf das Thema auszurichten. Und vielleicht zieht es mich irgendwann sogar ganz in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zurück.

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