Für mich war schon früh klar, dass es in der elften Klasse ins Ausland gehen sollte, und dass es die USA sein sollten, stand auch schnell fest – das Land, weit weg, hinter dem großen Ozean, das ich sonst nur aus dem Fernseher kannte. Also hieß es dann bald Bewerbung schreiben und zum Interview nach Hannover fahren. Danach folgten Vorbereitungsseminare und regelmäßige Briefe der Organisation, die mich und meine Eltern auf das Bevorstehende vorbereiten sollten. Ansonsten war Warten angesagt – darauf, dass ich endlich Nachricht von einer Gastfamilie bekommen würde, um zu wissen, wo ich das folgende Jahr verbringen würde. Erstaunlicherweise ging das bei mir recht schnell. Ich bekam mal wieder einen Brief von meiner Organisation und fand darin, völlig unerwartet, Informationen über meine neue Gastfamilie. Mit den Barnes sollte ich also ein Jahr lang leben. Mein nächster Blick fiel auf den Staat – Wisconsin. Nie gehört. Das musste am Ende der Welt sein. Aber der größte Schock traf mich, als ich „Combined Locks, 2422 Einwohner“ las. Das konnte ja ein Spaß werden.
Ich hatte mich dann allerdings schnell damit abgefunden, dass ich schon bald auf einem kleinen Dorf im „State of Cheese“ leben würde (Wisconsin ist für seinen Käse bekannt!). Schließlich war ich ja von vornherein darauf vorbereitet worden, dass es keine Metropole sein würde, in der ich leben werde. Auch mit meiner Gastfamilie hatte ich schon Kontakt aufgenommen. Ich sollte in einem schönen Haus direkt neben der Schule wohnen und zwei jüngere Gastbrüder haben. Meine Vorfreude war endlos und ich konnte kaum abwarten, mit die letzten Vorbereitungen zu beginnen. Doch dann kam die große Enttäuschung. Zwei Wochen vor Abflug bekam ich eine Email von meiner zukünftigen Gastmutter. Sie sagte mir, dass mein Gastvater nach Minnesota versetzt worden war und dass ich dorthin auch leider nicht mitkommen könnte, da sie noch nicht wüssten, wo sie leben würden und ob sie genug Platz haben würden. Ich war unglaublich enttäuscht, da ich meine Gastfamilie in der kurzen Zeit und nur durch das Emailschreiben schon unheimlich lieb gewonnen hatte. Es half nun aber nichts und kurzfristig musste für mich eine neue Gastfamilie gefunden werden, was sich aber nicht als Problem herausstellte – nun waren es die Clarks, die ein Jahr lang mein zu Hause sein würden.
Zwei Wochen später saß ich dann im Flugzeug auf dem Weg in mein neues zu Hause – und plötzlich wollte ich doch nicht mehr so richtig weg. Nun wurde es ernst und ich realisierte, dass ich meine Familie und Freunde ein Jahr lang nicht sehen würde. Ein Jahr lang würde ich in einem fremden Land mit fremden Leuten verbringen und eine Sprache sprechen müssen, die ich doch eigentlich gar nicht so gut konnte. Die Angst war zum ersten Mal da, doch nun führte kein Weg daran vorbei. Der Flieger hob ab und ich war auf dem Weg nach New York, wo mich, zusammen mit vielen anderen Austauschschülern noch ein letztes Vorbereitungswochenende erwartete.
Die Angst wurde bald von vielen neuen Eindrücken verdrängt, die mich in New York erwarteten. Die Stadt war aufregend und lebendig und ich war traurig, mich nach zwei Tagen wieder von ihr und meinen neu gewonnenen Freunden trennen zu müssen. Nun ging es auf ins Unbekannte. Ich freute mich aber, nach drei anstrengenden Tagen, bald endlich in meinem neuen zu Hause zu sein. Von meiner Gastfamilie wurde ich sehr herzlich begrüßt und musste gleich jede Menge Fragen beantworten, was sich als gar nicht so leicht herausstellte. Aber so lange man mit mir schön langsam und deutlich sprach, ging das eigentlich ganz gut.
Gegen jegliche Ratschläge von der Organisation, war das erste, was ich tat, nachdem ich in meinem neuen Zimmer angekommen war und etwas zu essen bekommen hatte, mich schlafen zu legen. Englisch reden war doch ganz schön anstrengend.
Es stellte sich schnell heraus, dass der Ort wo ich wohnte, doch nicht so ein kleines Kaff war, wie ich befürchtet hatte. Man ging über die Straße und war schon im nächsten kleinen Ort und man fuhr mit dem Auto höchsten zehn Minuten in die nächste größere Stadt (Appleton). Auch meine Schule hatte etwa 1.300 Schüler.
Dann begann auch bald mein Schuljahr an der Kimberly High School. Um mir das Jahr in Deutschland anrechnen lassen zu können, musste ich gewisse Fächer belegen, wie Mathe, Englisch und Biologie. Ansonsten konnte ich meine Fächer recht frei zusammenstellen. So hatte ich dann zum Beispiel „Musical Theater“ oder Soziologie Kurse. Die Kurse hatte ich ein halbes Jahr lang (manche auch nur drei Monate) und dann jeden Tag immer die gleichen vier Fächer, jeweils 90 Minuten lang.
In der Schule fühlte ich mich sehr wohl. Meine Mitschüler waren total nett und stellten viele Fragen (unter anderem auch Dinge, wie “Do you have the Internet in Germany?“). Insgesamt gefiel mir das amerikanische Schulsystem besser als das deutsche. Mit meiner Spanischlehrerin bin ich des Öfteren mal Kaffee trinken gegangen. Nach der Schule hab ich immer Sport gemacht und der School Spirit zeigte sich meistens bei Footballgames und in Form von T-Shirts und Pullovern, welche die Schulfarben Rot und Weiß hatten. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass das Verhältnis zu den Lehrern insgesamt viel freundschaftlicher und persönlicher war und dass ich von ihnen in allem, was ich gemacht habe unterstützt wurde.
Letzteres trifft auch auf meine Gastfamilie zu, mit der ich mich sehr gut verstanden habe. Ich hatte zwei jüngere Gastbrüder und sehr liebe Gasteltern. Ich habe mich dort sehr zu Hause gefühlt und auch viel mit meiner Familie unternommen. Unter anderem bin ich auch viel mit ihnen gereist. Natürlich war erst einiges anders, zum Beispiel die Tatsache, dass ich in der Woche um zehn und am Wochenende zwölf zu Hause sein musste, nachdem ich in Deutschland tun und lassen konnte, was ich wollte. Das sind allerdings die Kleinigkeiten, mit denen man sich in den meisten Familien abfinden muss, wenn man in den USA lebt. Zumal man unter 21 Jahren sowieso nach zwölf Uhr nicht mehr allzu viel unternehmen konnte.
Insgesamt habe ich hauptsächlich schöne Erinnerungen an meinen Auslandsaufenthalt. Ich wurde von allen herzlich aufgenommen und habe mich schnell an die Sprache und an die Umgebung gewöhnt und mich sehr zu Hause gefühlt, was den Abschied natürlich doppelt so schwer gemacht hat. Ich habe immer noch Kontakt mit meiner Gastfamilie und einigen meiner Lehrer und versuche, sie so oft wie möglich zu besuchen.
Von Minu Lorenzen
