Erfahrungsbericht

10 Monate in Basalt, Colordo

"Die Austauschorganisation hat eben angerufen - du hast eine Gastfamilie!"

Ich machte im wahrsten Sinne des Wortes einen Luftsprung, als mir meine Mutter diese Neuigkeit verkündete. Wochenlang hatte ich sehnsüchtig auf diesen Moment gewartet, und nun ging auf einmal alles so schnell! Ich rief noch am selben Abend zum ersten Mal bei meiner Gastfamilie, den Gasaus, an und keine zwei Wochen später saß ich im Flieger nach Colorado.

Colorado

Von Basalt, dem kleinen Ort mitten in den Rocky Mountains, in dem ich die nächsten zehn Monate verbringen würde, hatte ich vorher natürlich noch nie gehört. Aspen, der berühmte Skiort in zwanzig Meilen Entfernung sagte mir da schon etwas mehr. Dort stieg ich schließlich aus dem Flugzeug - und stand auf einmal einem zwei Meter großen Bär aus Pappe gegenüber, der mir riet "bear aware" zu sein. Willkommen in Colorado!, dachte ich. (Ich selbst bin danach zwar nie einem echten Bären begegnet, doch angeblich wanderte mal ein Jungtier über den Parkplatz der Kirche in Basalt…)

Nach diesem etwas gewöhnungsbedürftigen ersten Eindruck wurde ich schließlich von meinen Gasteltern Marie und Jerry in Empfang genommen, und wir verstanden uns auf Anhieb. Es dauerte keine drei Tage und mir war, als würde ich sie schon ewig kennen.

In der High School lebte ich mich ebenfalls schnell ein. Es war eine kleine Schule mit nur rund 350 Schülern, jeder kannte jeden - und wir Austauschschüler waren in Windeseile bekannt wie bunte Hunde. Schon am ersten Tag wurde ich mindestens sechs oder sieben Mal einfach auf dem Gang angesprochen, wie es mir denn bislang in Amerika gefiele, ob ich diesen oder jenen Kurs belegt hätte, oder ob ich am Freitag zum Footballspiel kommen würde.

Footballspiel der Basalt High School

Ein Mädchen aus meinem Englischkurs lud mich ein, nach der Schule mit zum Softballtraining zu kommen - und schwupps, schon war ich dabei. Und zwar nicht nur beim Softball, sondern kurz darauf auch bei der Theater-AG und dem Organisationskommittee des Rocky Mountain Student Filmfests, das Filmprojekte von Jugendlichen aus dem ganzen Land vorstellte.

Neben diesen außerschulischen Aktivitäten war auch der reguläre Unterricht viel abwechselungsreicher als zu Hause in Deutschland. In "River Watch" etwa wateten wir mit hüfthohen Gummiestiefeln in den Colorado River und seine Zuflüsse, um Insektenlarven zu fangen, oder bauten am Tag vor den Weihnachtsferien einen Iglu - nur für den Fall, dass wir mal bei einer Winterwanderung einschneiten und von der Außenwelt abgeschnitten wurden.

Bevor ich wusste, wie mir geschah, waren auch schon die ersten fünf Monate vergangen. Es war so viel Neues, Aufregendes passiert, dass ich gar nicht merkte, wie schnell die Zeit verging, und auf einmal stand Wheinachten vor der Tür.

Es war ein Weihnachten der wohl ungewöhnlichsten Art überhaupt, kein bisschen ruhig oder beschaulich. Denn meine Gastmutter Marie war Pastorin der örtlichen Kirche und daher im Vollstress. Außerdem sollte über Wheinachten natürlich auch die Verwandschaft besucht werden, und so brachen wir am Weihnachtsmorgen mit dem Auto nach Kansas auf, wo der Großteil der Gasau-Familie lebte.

Das war der Zeitpunkt, als mir klar wurde, dass Entfernungen in den USA etwas ganz anderes bedeuten als hier in Deutschland. 14 Stunden Fahrt nach Kansas City, an einem Stück? Kein Problem! Zwischendurch ein kurzer Stopp zum Fahrerwechsel, und weiter geht's.

Während Colorado dick von Schnee bedeckt war und Basalts Innenstadt aussah wie das Motiv einer Weihnachtskarte, herrschten in Kansas fast 20 Grad. Auch sonst waren die beiden Staaten das absolute Kontrastprogramm: Colorado mit seinen bis zu viertausend Meter hohen Bergen und Kansas mit seinen absolut flachen, endlosen Feldern und höchstens ein paar kleinen Hügeln.

Unterwegs war mir die Weihnachststimmung irgendwie abhanden gekommen, doch das machte überhaupt nichts. Dafür freute ich mich riesig darüber, nun einen ganz anderen Teil der USA kennenzulernen.

Vor meiner Abreise hatte man mich gewarnt, dass das Heimweh spätestens an Weihnachten zuschlagen würde, doch davon war kaum etwas zu spüren. Ich dachte natürlich an meine Familie - aber nicht, weil ich zurück nach Deutschland wollte, sondern weil ich mir wünschte, all diese neuen, tollen Erlebnisse direkt mit ihnen teilen zu können und nicht nur über das Telefon.

Auch der Rest des Jahres verging wie im Flug. Prom war natürlich ein Großereignis, genau wie die Graduation-Zeremonie. Außerdem war ich nun fast jedes Wochenende unterwegs, weil ich dem Track Team beigetreten war und jede Woche irgendwo in Colorado ein Wettkampf stattfand.

Graduation

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal freiwillig Leichtathletik machen würde, aber genau das tat ich jetzt. Meine sportlichen Leistungen waren zwar nicht sensationell, aber das störte niemanden - es ging viel mehr um den Spaß und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe. Und als die Track Saison zu Ende war, war ich richtig traurig; vor allem weil ich ja wusste, dass ich im nächsten Jahr nicht mehr dabei sein würde.

Meine Abreise rückte immer näher. Einerseits freute ich mich darauf, meine Familie und meine Freunde in Deutschland wiederzusehen, aber andererseits wollte ich gar nicht an den Abschied denken.

Ich beschloss, an meinem letzten Tag in Basalt eine Abschiedsparty mit all denjenigen zu feiern, die mir im Laufe meines USA-Aufenthalts ans Herz gewachsen waren. Ursprünglich sollte es eine gemütliche Gartenparty werden, doch meine Gastmutter hatte andere Pläne. Davon erfuhr ich allerdings erst, als sie mich am Tag der Feier nicht nach Hause (denn das Haus der Gasaus war längst "home" für mich), sondern zu dem kleinen örtlichen Freibad fuhr, nachdem sie mich von der Schule abgeholt hatte. Alle meine Freunde warteten dort bereits - meine kleine Gartenparty war zu einer Überraschungs-Pool-Party geworden, das ganze Freibad war extra reserviert!

Am nächsten Tag reiste meine Mutter an, um mich abzuholen. Sie wollte sehen, wo ich ein Jahr lang gelebt hatte und dann mit mir die touristischen Highlights der USA besuchen: den Grand Canyon, Las Vegas, das Death Valley, San Francisco, die Niagara Fälle und New York City. (Eine anstrengende, aber wunderschöne Tour.)

Doch zunächst stand noch der Abschied von meinen Gasteltern bevor, der nicht nur mir, sondern auch Marie und Jerry schwerfiel. Die beiden waren mir im Laufe der vergangenen zehn Monate wirklich zu einer zweiten Familie geworden. Auch heute haben wir noch engen Kontakt und in diesem Sommer werde ich sie wieder besuchen.

Wenn ich heute noch einmal die Wahl hätte, ein Jahr ins Ausland zu gehen, müsste ich gar nicht überlegen: die zehn Monate in Colorado waren einfach unvergesslich, und ich würde mich sofort wieder dafür entscheiden.

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